Zofingen - Schweiz

Die Firma Siegfried hat in den vergangenen 140 Jahren tiefgreifende strukturelle und wirtschaftliche Veränderungen durchlebt. Das Unternehmen hat trotz schwierigen Marktbedingungen seine Dynamik und seine Flexibilität beibehalten und investiert technologisch und baulich in die Zukunft.

 

1873 gründet der Apotheker Benoni Siegfried, Inhaber der Pfauen-Apotheke in Zofingen, zusammen mit seinem Schwager Johannes Dürselen die Siegfried & Dürselen, Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate. Auf 700 Quadratmetern gegenüber dem Bahnhof Zofingen entsteht ein erstes Fabrikgebäude. Die Produktpalette umfasst galenische Produkte, anorganische Salze, Pflanzenextrakte und „Drogenverarbeitung“. Zwölf Mitarbeitende sind von Anfang an dabei. Zwei Jahre später trennen sich die beiden Partner und Benoni Siegfried wird Alleinunternehmer, wobei er die Apotheke noch bis 1880 weiterführt. Die Fabrik braucht ihre Anlaufszeit. Nach 15 Jahren ist es soweit. Für die Herstellung von Arzneien sind Roh- und Wirkstoffe aus dem Hause Siegfried zunehmend gefragt.

Die zweite Generation übernimmt

1904 wandelt Benoni Siegfried seine Einzelfirma in die „Aktiengesellschaft vormals B. Siegfried“ um. Im Jahr darauf stirbt er nach einem arbeitsreichen Leben, in dem er ein blühendes Unternehmen mit 110 Angestellten aufbauen konnte. Seine Söhne Kurt und Albrecht übernehmen die Nachfolge.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird ein grosser Teil der Beschäftigten eingezogen. Vieles muss improvisiert und neu organisiert werden. Die Grenzen zu Deutschland werden geschlossen. Doch noch während des Kriegs bessert sich die Lage wieder. Die Nachfrage steigt, die Produktion wird wieder ausgedehnt. Das Liefervolumen steigt auf das Vierfache. Siegfried erhöht das Aktienkapital und legt den Grundstein für einen Pensionsfonds.

Die Nachkriegsjahre stürzen den Markt in ein Wechselbad extremer Preisausschläge. Eine Krise bahnt sich an. Die Produktion sinkt auf Vorkriegsniveau, Arbeiter müssen entlassen werden. Doch 1923 zeigen sich erste Zeichen eines Wiederaufschwungs. Dieser hält solange an, dass sich der Umsatz bis zur Weltwirtschaftskrise erholen kann.

In einer stark vom Wandel geprägten Branche ist ideenreiches, bewegliches Eingehen auf neue Bedürfnisse und Märkte schlicht unerlässlich. Schon 1927 gründet Siegfried die erste Tochtergesellschaft, die Gane’s Chemicals Works, Inc. in Carlstadt (New Jersey/USA), und erschliesst sich damit den wichtigen amerikanischen Markt. Nebst einer erfolgreichen Marktstrategie war es ebenso wichtig, auf wissenschaftlich-technischem Gebiet mitzuhalten. So überstand Siegfried die Krise der dreissiger Jahre ohne grösseren Schaden. Auch das Sortiment wird schrittweise ausgebaut. 1934 wird das Unternehmen um den  Agrobereich erweitert. Laufend kommen neue pharmazeutische Spezialitäten dazu. Bei den Ärzten haben Medikamente von Siegfried einen guten Namen, vor allem in der Schweiz. Exporte werden gegen Ende der dreissiger Jahre immer schwieriger.
Inzwischen hat die dritte Generation die Leitung der Firma übernommen. Dazu gehören Dr. Hans Siegfried, Dr. Bert Siegfried sowie der Schwiegersohn von Albrecht Siegfried, Dr. Charles E. Barrelet.

Der zweite Weltkrieg, danach die Erholung

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs werden 40 Prozent der Mitarbeitenden eingezogen. Nur die alte Garde bleibt dem Unternehmen erhalten. Die Kriegsjahre schaffen einen wachsenden Bedarf an Chemikalien und Pharmazeutika, dem neben dem erwähnten Personalmangel eine zunehmende Rohstoffverknappung gegenübersteht. Zur Aufrechterhaltung der Produktion sind einmal mehr Ideenreichtum, Improvisationsgabe und Geduld gefragt.

Nach dem Krieg gilt es, neue Impulse auszulösen, vor allem im Exportgeschäft. In die fünfziger Jahre fällt denn auch die Gründung der beiden Tochtergesellschaften in Deutschland und Österreich. Das allgemeine Warengeschäft im Inland wird ebenfalls ausgebaut, die Sparte Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung erhält neuen Auftrieb. In diesen Jahren wird in Zofingen massiv in Produktionsanlagen investiert und ein neues Administrationsgebäude kann bezogen werden.
In der Hochkonjunktur der sechziger Jahre bieten sich neue Möglichkeiten. Der chronische Mangel an Arbeitskräften wirkt sich allerdings hemmend aus. Die Teuerung zieht an; gleichzeitig brechen die Exportpreise ein. Während der Umsatz noch steigt, verschlechtert sich der Ertrag. Der Standort Zofingen bewährt sich jedoch nach wie vor.

Von 1963 bis 1973 erhöht sich der Umsatz um 75 Prozent. Ein grosser Teil der Produktion wird exportiert. Das Aktienkapital wird erhöht und der Gang an die Börse vollzogen.

100 Jahre erfolgreich

1973 feiert das Unternehmen seinen 100. Geburtstag. Es präsentiert sich als unabhängiges Chemie- und Pharmaunternehmen, das mit weltweit rund 850 Mitarbeitenden pharmazeutische Spezialitäten, chemisch-pharmazeutische Wirkstoffe und Zwischenprodukte, aus Heilpflanzen gewonnene Extrakte und Tinkturen, galenische Zubereitungen sowie Schädlingsbekämpfung- und Pflanzenschutzmittel produziert und zudem mit chemischen Produkten und Heilpflanzen handelt.

Die ersten fünf Jahre nach dem 100-Jahr-Jubliäum stehen im Zeichen starker Preis- und Währungsturbulenzen. Die Verknappung der Rohstoffe löst eine breite Teuerungswelle aus. Mit der Erdölkrise verschärft sich die Rezession. Der Zusammenbruch des US-Dollars führt zu einem Höhenflug des Schweizer Frankens, der den Absatz der Siegfried-Produkte im Ausland erschwert. Trotzdem baut das Unternehmen seine Stellung zielstrebig aus.

Eine anspruchsvolle Zeit beginnt

1974 übernimmt Dr. Bernard A. Siegfried von seinem Vater den Vorsitz der Geschäftsleitung. Weitere Tochtergesellschaften werden gegründet. Als Folge der Rezession in den wichtigsten Absatzländern verzeichnet das Stammhaus in Zofingen eine markanten Umsatz- und Ertragseinbruch. Anfang 1977 lässt die relative Ruhe an der Währungsfront wieder etwas Optimismus aufkommen. Die in die Wege geleiteten innerbetrieblichen Massnahmen fangen langsam zu greifen an. Die Gemeinkosten werden gesenkt, die Produktionsplanung verbessert und im Verkauf eine straffere Führung eingeführt. Die Pharmaforschung wird redimensioniert und reorganisiert.
Anfangs der achtziger Jahre treten Dr. Hans Siegfried und Dr. Bert Siegfried aus Altersgründen aus dem Verwaltungsrat zurück. Das erstmals mehrheitlich aus Nichtfamilienmitgliedern zusammengesetzte Gremium wird von John F. Strasser präsidiert. Der nächste Generationenwechsel ist vollzogen. Nach einem erneuten Spar- und Rationalisierungsprogramm gewinnt das Unternehmen wieder an Fahrt. Die Ertragslage verbessert sich und löst sehr rasch Erweiterungs- und Rationalisierungsinvestitionen aus. Bedeutende Schwerpunkte bilden die neuen Sicherheits- und Umweltschutzprojekte. Mit der Gründung der Siegfried Chemicals Inc. in Taipeh (Taiwan) im Jahr 1989 geht das Unternehmen das Wagnis des Einstiegs in den fernöstlichen Markt ein.

Der Umbruch der 90er Jahren

Die neunziger Jahre beginnen in jeder Hinsicht aussergewöhnlich. Das Zusammentreffen ungünstiger Umstände wirkt sich negativ auf das Unternehmen aus. Zur Dollarschwäche kommt die weiterhin sehr restriktiv gehandhabte Festpreisbindung in Deutschland, dem für Siegfried wichtigsten Pharmamarkt. Auch die hohen Expansions- und Investitionskosten wirken sich nachteilig auf das Ergebnis aus. Der Rückzug des lipidsenkenden Herz-Kreislauf-Präparats BeclipurR stellt eine grosse Belastung dar. Diese Ereignisse wachsen sich zu einer eigentlichen Führungskrise aus. Vor der Generalversammlung 1991 wird dieser Konflikt öffentlich ausgetragen. An der Versammlung wird schliesslich der Verwaltungsrat neu bestellt. Das Präsidium übernimmt Dr. Thomas Staehelin. Die Firmengruppe wird in den Jahren darauf tiefgreifend umgebaut und in eine Holdingsgesellschaft umgewandelt.  Sie wird konsequent auf die Zulieferung an die pharmazeutische Industrie ausgerichtet. Das Outsourcing wird zum Hauptgeschäftsfeld gemacht. In der Folge trennt sich Siegfried von den Tochtergesellschaften in Deutschland, Frankreich und Mexiko. Das Detailhandelsgeschäft für Apotheken in der Schweiz wird aufgegeben.
Die grundlegende Umstrukturierung ist 1997 – ein Jahr vor dem 125-jahr-Jubiläum – abgeschlossen. Eine neue, solide Basis ist geschaffen. Im Jubiläumsjahr übernimmt Dr. Bernard A. Siegfried zusätzliche zur operativen Führung auch das Präsidium des Verwaltungsrats.

1998 belegt die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) das Werk in Pennsville in Form eines so genannten Warning Letter mit verschiedenen Auflagen. Mit grossen Anstrengungen gelingt es dem Management, bis im Jahr 2001 die Auflagen zu erfüllen und die Compliance im Werk Pennsville wieder vollständig herzustellen. Das neue Compliance-Konzept wird übergreifend für das ganze Unternehmen eingeführt. Siegfried entwickelt sich in diesem Bereich zu einem der führenden Unternehmen, ein wichtiges Argument im weltweiten Pharmamarkt.

Konzentration der Geschäftstätigkeit

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wird die Konzentration des Unternehmens weiter vorangetrieben. Der Agrobereich und das Handelsgeschäft in Deutschland und in der Schweiz werden verkauft. Eine taiwanesische Investorin übernimmt die Mehrheit am Werk auf Taiwan. Das Werk in Carlstadt wird geschlossen und die US-amerikanischen Aktivitäten werden in Pennsville zusammengezogen. Das Unternehmen wird in zwei Divisionen organisiert mit je einem CEO an der Spitze: Der chemisch-pharmazeutische Teil mit dem Namen Siegfried geleitet von Douglas Günthardt und die Sparte Naturprodukte unter der Marke Sidroga unter der Leitung von Peter Degen.

Mit einem Umsatz von 399 Millionen Franken erzielt Siegfried im Geschäftsjahr 2002 den bisher höchsten Umsatz in der Firmengeschichte. An der Generalversammlung 2003 gibt Dr. Bernard A. Siegfried das Präsidium des Verwaltungsrats ab und wird zum Ehrenpräsidenten gewählt. Dr. Markus Altwegg wird neuer Präsident.

Die folgenden Jahre sind anspruchsvoll für die Outsourcing-Branche. Zahlreiche grosse Pharma-Unternehmen holen Aufträge zurück in ihre eigenen Anlagen. Die von neuen Anbietern in den späten neunziger Jahren geschaffenen Kapazitäten sind nur schwach ausgelastet. Auch Siegfried verliert bedeutende Aufträge und sieht sich gezwungen, eine umfassende Restrukturierung vorzunehmen.
An den zentralen strategischen Projekten wird festgehalten. Siegfried baut auf Malta ein neues Werk für Fertigformulierungen und die Sidroga wird an eine Unternehmensgruppe verkauft, welche sich ausschliesslich im OTC-Markt für Naturprodukte bewegt. Mit dem PulmoJetR entwickelt Siegfried ein Inhalationsgerät, welches höchste Qualitätsansprüche zu befriedigen vermag. Dennoch entwickelt sich die Ertragslage weiter unterdurchschnittlich. Der Verwaltungsrat beschliesst erneut tiefgreifende Massnahmen: Ein weiteres Restrukturierungsprogramm wird initiiert, ein Managementwechsel vollzogen und die Strategie umfassend überprüft. Dr. Rudolf Hanko übernimmt als CEO den Vorsitz der Geschäftsleitung. Gleichzeitig wird das Aktienkapital mit einer Pflichtwandelanleihe um knapp einen Drittel erhöht, um die Finanzierung der Strategieumsetzung sicherzustellen. Mit der Kapitalerhöhung wird die bisherige Hauptaktionärin, die britische Camellia, abgelöst, neue Schweizer Investoren stossen zur Firma.

Strategie Transform: Auf dem Weg in die Zukunft

Die neue Strategie Transform zielt auf eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und profitables Wachstum. Siegfried definiert sich als in jeder Hinsicht zuverlässiger Zulieferer für die Life-Science-Industrie, der sowohl die chemische Synthese als auch die Formulierung fertiger Medikamente beherrscht. Ein mutiger Claim unterstreicht diese klare Ausrichtung: Siegfried – expect more.

An der Generalversammlung 2011 erfolgt auf der Ebene Verwaltungsrat ein Generationenwechsel. Gilbert Achermann übernimmt das Präsidium von Dr. Markus Altwegg. In den folgenden Jahren werden verschiedene konkrete strategische Vorhaben umgesetzt. Der PulmoJetR wird an die französische Sanofi-Aventis Gruppe verkauft. Mit der Übernahme der Alliance Medical Products, Inc., im kalifornischen Irvine stösst Siegfried auf das Gebiet der sterilen Abfüllung vor. Gleichzeitig beschliesst das Unternehmen, einen Produktionsstandort im südchinesischen Nantong am Yangtse zu errichten. In Zofingen sind der Bau einer neuen Produktionsanlage (Bau 425) sowie ein neues Administrationsgebäude in Planung. Die Ergebnisse verbessern sich auf allen Ebenen.


Peter Gehler, Head Corporate Center