Bernard A. Siegfried

Er ist Ehrenpräsident, trägt den Nachnamen der Gründer und ist, familiär bedingt, Zeuge der 140-jährigen Firmengeschichte. Bernard A. Siegfried lässt diese lange Zeit noch einmal Revue passieren. Ungeschminkt, leidenschaftlich und mit allen Höhen und Tiefen. Es ist erzählte Geschichte über vier Generationen Siegfried.


Da sitzt er, der letzte Siegfried. Ehrenpräsident des Unternehmens. Urenkel des Firmengründers. Noch immer verfügt Bernard Siegfried über ein kleines, bescheidenes Büro am Hauptsitz in Zofingen. Sehr oft dürfte er sich hier jedoch nicht mehr aufhalten – der Kaktus im Raum hat schon regelmässiger Wasser gesehen. Jetzt aber, in den ersten Tagen des Jubiläumsjahres 2013, welches das 140ste. in der Firmengeschichte markiert, sitzt er kerzengerade auf dem roten Sessel in seinem Büro, der Blick konzentriert und bereit, das Geschichtsbuch der Firma noch einmal aufzuschlagen. Auch im Wissen, dass nach ihm, nach der vierten Generation, kein Nachfahre dieses Namens mehr im Unternehmen seiner Väter und Vorväter mehr tätig sein wird. Bernard A. Siegfried ist, wenn man so will, die letzte patronale Figur in der Firma, die noch heute aus jeder Pore den Duft der Familiengesellschaft atmet – obwohl Siegfried längst eine börsenkotierte Gesellschaft darstellt und der Aktienanteil der Siegfrieds schon lange unter die bewilligungspflichtigen drei Prozent des Aktienkapitals gefallen ist.

Am Anfang aber war ein Siegfried, Samuel Benoni Siegfried (1848-1905). Geboren im Jahr 1848, als in der Schweiz der moderne Bundesstaat entstand. Sohn eines Pfarrers aus Zofingen und einer geborenen Ringier, jener Zofinger Familie, die später den heute bedeutendsten Verlag des Landes aufgebaut hat. Bei Samuel Benoni Siegfried jedoch führte der Lebensweg in das Apothekengewerbe. Er absolvierte eine Lehre in diesem Fach, verdiente als Apothekergehilfe in Sachsen und Bremerhaven berufliche Sporen ab, studierte schliesslich Pharmazie in Zürich und wähnte sich so beruflich präpariert fürs Leben. Es traf sich gut, dass die Ringiers zu dieser Zeit in Zofingen eine Apotheke betrieben. Den Betrieb des Grossvaters konnte Samuel Benoni Siegfried nämlich übernehmen. Dort hat er eigenhändig Substanzen zu Medikamenten zusammen gemixt und über den Tresen seiner Apotheke an die Kundschaft abgegeben. Die Erinnerungen an den Urgrossvater sind bei Bernard A. Siegfried verblasst. Ein paar Fotographien gibt es, ein paar Fundstellen in Büchern, nicht viel mehr. Gesichert ist, dass diesem ersten Siegfried der unternehmerische Radius als Apotheker bald einmal zu eng geworden ist.

Siegfried wird eine Aktiengesellschaft

Er plante eine kleine Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate westlich des Zofinger Bahnhofs. Vorsichtig wie er war, erfolgte die Firmengründung im Jahre 1873 zusammen mit seinem Schwager Johannes Dürselen als Teilhaber und auch die Apotheke behielt er neben der Fabrik zur finanziellen Absicherung noch bei. Ein Dutzend Mitarbeitende beschäftigte das auf Siegfried & Dürselen firmierende Unternehmen zu Beginn, doch bald schon musste sich Samuel Benoni Siegfried als treibende Kraft ganz auf seinen gewerblichen Betrieb konzentrieren. Der Schwager war 1875 ausgestiegen, die Einzelfirma auf Siegfried umfirmiert und die Apotheke wurde abgestossen. Unterstützung erhielt er von seinen Söhnen, die auch komplementäres Know-how in die wachsende Firma einbrachten – um die Jahrhundertwende beschäftigte diese bereits fünf Dutzend Angestellte. Kurt Siegfried (1873-1945), der Ältere, studierte Chemie und Pharmazie am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich und in Leipzig, promovierte dort und trat 1902 als wissenschaftlicher und technischer Leiter in die väterliche Firma ein. Paul Albrecht Siegfried (1880-1953), der Jüngere, absolvierte bereits seine kaufmännische Lehre im Betrieb, verbrachte seine Lehr- und Wanderjahre in London und Paris und übernahm im Jahre 1905 zusammen mit seinem Bruder die Siegfried AG, die kurz zuvor in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war. Der Enkel Bernard Siegfried erinnert sich noch an die beiden «markanten Persönlichkeiten», wie er sagt und in die  zweiten Generation fallen auch erste internationale Geschäftsaktivitäten.

«Du musst entscheiden, was Du studieren willst»

In der dritten Generation war die Siegfried AG bereits zu einer stattlichen Familienfirma herangewachsen. Das Unternehmen beschäftigte in den 1950er Jahren über 600 Angestellte, die Siegfrieds besassen die Aktienmehrheit und an der Spitze standen drei Familienmitglieder. Paul Albrecht brachte seinen Sohn Hans Siegfried in die Firma – der Vater des heutigen Ehrenpräsidenten -, der die kommerzielle Leitung übernahm; wie auch seinen Schwiegersohn Charles Barrelet-Siegfried, einem promovierten Chemiker aus dem Welschland, der mit seiner Tochter Margrit verheiratet war. Dieser wurde technischer Leiter. Der dritte im Bunde war Bert Siegfried, der Sohn des ältesten Sohnes des Firmengründers, der die Apothekenseite übernahm. Täglich und gemeinsam sichtete das Triumvirat die eingehende Post - in dieser Generation war das noch Privileg der Teppichetage.

Wie er selber in die Firma kam, daran erinnert sich Bernard Siegfried noch genau. Es war irgendwann Anfang der 1960er Jahre, er selber knapp volljährig, als ihn sein Vater beim sonntäglichen Ausritt auf dem Heiternplatz oberhalb Zofingen mit den Worten überraschte: «Wenn Du Dich für die Firma entscheidest, dann musst Du jetzt auch entscheiden, was Du studieren willst. Du musst wählen, Chemiker oder Kaufmann.» Der Angesprochene reagiert ausgesprochen abgeklärt, entgegnet, der Sohn des Schwagers studiere bereits Chemie, also bereite er sich auf das Kaufmännische vor. Bernard Siegfried ging an der HSG, promovierte 1963 über «Die Verhaltensweisen des Unternehmers gegenüber der Gewinnbesteuerung», absolvierte ein Traineeprogramm bei Siegfried in Mexiko und ein weiteres beim deutschen Chemiekonzern Merck in den USA. Dermassen beruflich aufgerüstet, steuerte er Ende der 1960er Jahre den Eintritt in die Firma an, damals ein Feinchemikalienhersteller für die Pharmaindustrie, der auch Schädlingsbekämpfungsmittel für die Schweizer Landwirtschaft herstellte, aber auch eigene Arzneimittel erforschte, produzierte und verkaufte sowie immer auch noch Apotheken belieferte. Eine Firma jedoch, die in Problemen steckte. Fein säuberlich hatten die Familienmitglieder zwar die Funktionen an der Spitze der Firma unter sich aufgeteilt, aber niemand wusste, wo das Unternehmen wirklich Geld verdiente, wo nicht. So wie die Dinge lagen, gab es für die nachrückende Generation einiges zu tun.

Der lange Abschied von der Familienfirma

Im Ferienhäuschen am Sempachersee wollten Hans Siegfried und der Schwager zusammen mit den Youngsters Bert und Bernard über den Übergang der Familienfirma in die vierte Generation diskutieren und am Schluss des Stelldicheins im Grünen war klar: ausser Bernard Siegfried wollte keiner in die Firma. Und so kümmerte der sich um ein Feld, welches ziemlich brach lag bei Siegfried: Planung und Organisation des Unternehmens. «Mit einer Methode, die ich bei Merck in den USA gelernt hatte, diagnostizierte ich Struktur- und Führungsmängel», sagt Bernard Siegfried, «dabei ging es mitunter recht amerikanisch-hemdsärmelig zu und her.» Damit machte sich der Neue in der Teppichetage nicht nur Freunde. Viele schüttelten den Kopf ob des amerikanischen Stils und auch der Schwager Charles Barrelet-Siegfried – immerhin Technik- und Chemiechef – markierte Widerstand. Der Vater jedoch – Delegierter und VR-Präsident – war von der Richtigkeit des Tuns überzeugt und liess dem Sohn freie Hand. So forcierte dieser auch den Verkauf von OTC-Produkten, die unter der Marke Sidroga vertrieben wurden. Charles Barrelet-Siegfried fühlte sich in diesem neuen Umfeld in der Firma immer weniger zuhause und trat schliesslich aus der Firma aus.

Dramatisches drückte um diese Zeit an die Oberfläche und Dramatisches trug sich zu in Zofingen. Die Firma schrieb erstmals in der Geschichte tiefrote Zahlen und die Aktionäre bekamen keine Dividenden. Dabei waren die Herrn Apotheker unter den Teilhabern gewohnt nach der GV im Unteren Tor zu speisen und auf das Geschäftsjahr anzustossen. Doch diesmal gab es nichts zum Feiern. Stattdessen wurden über einen längeren Zeitraum rund 200 Arbeitsstellen aufgelöst. «Wir hatten einfach zu viel gebundenes Kapital», sagt Bernard Siegfried, «eine komplizierte Administration und zu viel Lagerbestand.» Um diese Zeit begann auch der langsame Abschied von der Familiengesellschaft. 1973 wurde die Aktie an der Börse kotiert und damit schmolz schleichend der Einfluss der Siegfrieds. 1977, als Bernard Siegfried zum Delegierten nachrückte und sein Vater Hans als Präsident amtete, standen noch zwei Familienmitglieder an der Spitze der Firma. Als letzterer Anfang der 1980er Jahre zurücktrat, blieb der Sohn als letzter übrig und der war gewillt, auch den letzten Schritt zu tun. «Ich wollte die Phase der Familiengesellschaft hinter mir lassen», sagt Bernard Siegfried heute, «und stellte deshalb einen starken Verwaltungsrat zusammen.» In der Tat: Da stand nun John F. Strasser dem Verwaltungsrat vor, der sich als harter Sanierer der Aarburger Franke AG einen Namen gemacht hatte. Da war Ernst Thomke, der mitgeholfen hatte, die Schweizer Uhrenindustrie vor dem Niedergang zu bewahren. Und schliesslich Bruno Hunziker, Aargauer Ständerat, der Beinahe-Bundesrat.

Der Putsch der Verwaltungsräte

Nun blies ein neuer, kalter Wind durch die Firma. John F. Strasser holte die Berater von McKinsey ins Haus. Die sagten: die Chemie, ein Massengeschäft mit hohen Investitionen, hat keine Zukunft. Diese gehört dem Pharmageschäft, insbesondere im Bereich Generika, welches auszubauen wäre. Eine ungeheuerliche Vorstellung für Bernard Siegfried. Der Chemiebereich lief zwar schlecht zu jener Zeit – aber es war der grösste und identitätsprägende Teil der Firma. «Ich habe diesen Auftrag des VR nicht ausgeführt», sagt der Ehrenpräsident heute, «die Berater haben bei ihrer Analyse der Kultur unserer Firma zu wenig Rechnung getragen.» Chemie, meint er, sei Industrie, Generika zur Hauptsache Marketing – nicht die Kernkompetenz von Siegfried zu jener Zeit. Andere Auseinandersetzungen zwischen dem Verwaltungsrat und dem CEO folgten. Einmal ging es um die Pharmaforschung – ein neu entwickelter Cholesterinsenker hatte zu Todesfällen geführt – aus der Bernard Siegfried aus Risikoüberlegungen gegen den Willen des VR aussteigen wollte. Ein anderes Mal ging es um den Handel, den der VR dicht machen, der CEO aber bestenfalls verkaufen wollte.

So wuchs das Misstrauen zwischen VR und seinem CEO, der als einziger den Namen der Firma trug. Eine einigermassen explosive Mischung, die sich an einer ausserordentlichen VR-Sitzung auf neutralem Terrain im Solothurnischen, im Hotel Egerkingen entlud. Er sei zögerlich und zu wenig führungsstark, beschied der VR-Präsident nun seinem CEO und deshalb habe das Aufsichtsgremium beschlossen, sich von ihm zu trennen. Eine kuriose Situation muss das gewesen sein und noch verblüffender war die Reaktion des Betroffenen. Der verwies keineswegs darauf, dass er schliesslich ein Siegfried sei, seine Vorväter diese Firma gegründet hätten oder auch dass die Familie noch immer ein stattliches Aktienpaket besässe. Nichts von alledem tat Bernard Siegfried, sondern meinte, das sei die beste Idee seit langem, zückte seine Agenda, zeichnete neben dem 31. August 1990 eine Sonne und dachte sich: «Jetzt, mit 56 Jahren bin ich diese Bürde los und frei. Frei!»

Höhere Instanz führt Regie

Es gab freilich noch eine andere Kraft, die nun auf sein Leben einwirkte. So sieht das Bernard Siegfried heute. «Kurz vor meinem Rausschmiss aus meiner eigenen Firma hatte ich mein Leben Jesus Christus übergeben und war gläubig geworden», sagt der Ehrenpräsident, «früher war ich nur ein Etiketten-Christ gewesen.» Und dann geschahen Dinge, die er als Wegweiser dafür sieht, was er zu tun hat. Im Traum sah er, dass die Firma, brannte und erst beim genauen Hinsehen realisierte er: es war eine davor stehende Lokomotive, die brannte. Sinnbildlich gesprochen: die Zugmaschine, die Führung der Firma stand in Flammen – nicht aber das Unternehmen selber. Aus Japan rief ein Investor an, der bei Siegfried einsteigen wollte. Einzige Bedingung: er, Bernard Siegfried, müsse der Firma erhalten bleiben. Ein kanadischer Unternehmer namens Gordon Fox, den Bernard Siegfried gut kannte, der rund ein Fünftel des Siegfried-Kapitals besass, hatte immer gesagt: «I feel a tension between you and your president. If you need me, just call.» Ja selbst der Siegfried-Familienzweig, mit dem er jahrelang im Clinch gelegen war, sicherte ihm nun Unterstützung gegen seinen Verwaltungsrat zu. «Diese Zeichen», sagt Bernard Siegfried heute, «interpretierte ich dahingehend, dass eine höhere Instanz die Regie übernommen hatte.»

Am letzten Freitag im April 1991 ergab sich in der Sporthalle in Zofingen ein Spektakel der besonderen Art: hier der Siegfried-VR, der die Absetzung des CEO betrieb und ultimativ die Zuwahl eines neuen Verwaltungsrates seiner Wahl verlangte – andernfalls mit dem geschlossenen Rücktritt drohte. Dort der eigentlich entlassene Siegfried-CEO, der Verbündete hinter sich wusste. Ein «eigentliches Volksgericht» über die Mangelhaftigkeit seiner Leistungen, seines Führungsstils habe er von Seiten seines VR an der GV über sich ergehen lassen müssen, meint er heute, während er selber seine Aktionäre nur eines gesagt habe: «Wenn Sie wollen, dass Siegfried zukünftig in diesem ruppigen Stil geführt wird, müssen die den amtierenden VR unterstützen.» Das wollten die Aktionäre nicht und so marschieren Strasser, Thomke und Hunziker im Gänsemarsch aus der Sporthalle heraus und wurden in Zofingen niemals mehr gesehen.

«Mehr als ein leuchtender Stern»

Ein zweites Mal stellte Bernard Siegfried einen neuen VR für Siegfried zusammen. Und als er ein Dutzend Jahre später, im Jahre 2003 anlässlich des 130jährigen Jubiläums und an der 100. Generalversammlung selber abtrat, machte die Firma so viel Gewinn wie noch nie seit der Gründung. «’Siegfriedi’, mehr als nur ein leuchtender Stern!», kommentierte das Zofinger Tagblatt und meinte damit die Firma wie wohl auch den abtretenden Patron.

Was bleibt als Leistungsausweis? Bernard Siegfried blickt nachdenklich auf den Kaktus in seinem Büro, meint: «Wir haben daraufhin alles abgestossen, was nicht mehr passte – Agrochemie oder den Apothekenhandel, später auch den Sidroga-Tee – und die Firma auf seine Kernkompetenz in der chemischen und pharmazeutischen Technologie für Dritte zurückgeführt. Und ich habe die Firma familienunabhängig gemacht.» Und dann schiebt Bernard Siegfried zwei Sätze nach, die wohl seine innerste Überzeugung offenbaren. Satz eins lautet: «Damit habe ich das Unternehmen wirklich unabhängig gemacht.» Satz zwei lautet: «Ohne meinen Glauben hätte ich das nicht geschafft.»